Auf der Lippenpflege steht „Hanföl“, im Gesichtsöl auch, und die Frage liegt nahe: Ist das dasselbe wie in CBD-Tropfen, und könnte ein Drogentest anschlagen? Die Antwort hängt daran, aus welchem Teil der Pflanze ein Inhaltsstoff stammt. Genau das verrät der INCI-Name, wenn man ihn zu lesen weiß.
Samen, Blätter, Blüten: wo THC und CBD entstehen
Hanf und Cannabis sind dieselbe Pflanzenart, Cannabis sativa. Ihre Cannabinoide, darunter das berauschende Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), werden in Drüsenhaaren gebildet, die ein klebriges Harz aus Cannabinoiden und Terpenen absondern. Diese Drüsenhaare sitzen vor allem an den weiblichen Blüten- und Fruchtständen, am dichtesten an den kleinen Hüllblättern, die den Samen umgeben (Citti et al. 2019).
Der Samen ist innen frei von Cannabinoiden, kann aber außen mit diesem Harz verschmutzt sein (Citti et al. 2019). Eine Laboruntersuchung hat das gemessen: Samen von Faserhanf enthielten insgesamt 0 bis 12 Mikrogramm THC je Gramm, der Großteil davon saß auf der Oberfläche. Eine kurze Wäsche entfernte rund 90 Prozent, und der Samenkern selbst enthielt weniger als 0,5 Mikrogramm je Gramm (Ross et al. 2000). Werden die Samen vor dem Pressen sauber gereinigt, enthält das Öl nur Spuren von Cannabinoiden. Für einzelne Hanfsamenöle aus dem Handel wurden aber auch mehr als 10 ppm THC und über 1.000 ppm CBD beschrieben (Citti et al. 2019). Wie viel im Öl landet, hängt also von Sorte und Reinigung ab, nicht vom Pressen an sich.
Für Hanfsamenöl als Lebensmittel gilt in der EU seit 2023 ein Höchstgehalt: 7,5 Milligramm THC-Äquivalente je Kilogramm, berechnet als Summe aus THC und seiner Säurevorstufe (Verordnung (EU) 2022/1393). Diese Verordnung gilt für Lebensmittel, nicht für Kosmetik. Sie zeigt aber, um welche Größenordnung es bei Spuren geht.
Hanf in der INCI: welcher Name was bedeutet
Die EU-Datenbank für kosmetische Inhaltsstoffe führt Dutzende Einträge mit „Cannabis Sativa“. Der Pflanzenteil steht jeweils im Namen (CosIng):
| Name in der INCI | Was es laut CosIng ist | Bezug zu THC und CBD |
|---|---|---|
| Cannabis Sativa Seed Oil | fettes Öl, aus den Samen gepresst; Aufgabe: hautpflegend | Samen sind innen frei von Cannabinoiden; Spuren durch Harz an der Schale möglich |
| Hydrogenated Cannabis Sativa Seed Oil | gehärtetes Hanfsamenöl | wie Hanfsamenöl |
| Cannabis Sativa Seed Extract | Extrakt aus den Samen | wie Hanfsamenöl |
| Cannabis Sativa Leaf Extract | Extrakt aus den Blättern | Blätter ohne Blütenstände zählen nicht zu „Cannabis“ im Sinne des Suchtstoffrechts |
| Cannabis Sativa Flower/Leaf/Stem Extract | Extrakt aus Blüten, Blättern und Stängeln | stammt aus den cannabinoidreichen Pflanzenteilen |
| Cannabidiol – Synthetically Produced | synthetisch hergestelltes CBD | CBD als Reinstoff |
| Cannabidiol – Derived from Extract or Tincture or Resin of Cannabis | CBD aus Extrakt, Tinktur oder Harz | CBD aus der Pflanze |
Steht „Hanföl“ oder „Hemp Oil“ nur auf der Vorderseite, klärt die Inhaltsstoffliste, ob Samenöl gemeint ist. In unseren Produkten steht laut Inhaltsstoffliste ausschließlich Hanfsamenöl, kein Extrakt aus Blättern oder Blüten und kein CBD. Wie man die Liste allgemein liest, erklärt INCI-Liste lesen: So verstehst du Inhaltsstoffe; die deutschen Namen unserer Inhaltsstoffe stehen unter INCI-Namen auf Deutsch: unsere Inhaltsstoffe übersetzt.
Was das Recht unterscheidet: Samen, Blüten, CBD
In Kosmetik verboten sind alle Stoffe, die in den Tabellen I und II des Einheitsübereinkommens über Suchtstoffe von 1961 stehen (Verordnung (EG) Nr. 1223/2009, Anhang II Nr. 306). In Tabelle I stehen Cannabis, Cannabisharz sowie Extrakte und Tinkturen von Cannabis. „Cannabis“ meint dabei ausdrücklich nur die Blüten- und Fruchtstände; Samen und Blätter sind ausgenommen, solange sie nicht mit diesen Ständen vermischt sind. Der Anbau von Hanf ausschließlich für Fasern und Samen fällt nicht unter das Übereinkommen (Einheitsübereinkommen 1961, Art. 1 und 28). Für Hanfsamenöl stellt sich die Frage nach dem Suchtstoffrecht also nicht.
Bei CBD ist es verwickelter. Der Europäische Gerichtshof hat 2020 entschieden, dass CBD, das aus der ganzen Hanfpflanze gewonnen wurde, nach dem damaligen wissenschaftlichen Stand keinen psychoaktiven Wirkstoff enthält und deshalb kein Suchtstoff im Sinne des Übereinkommens ist. Ein nationales Verbot muss nach dem Urteil durch den Schutz der Gesundheit begründet und verhältnismäßig sein (EuGH, C-663/18). Ob eine CBD-Kosmetik im Einzelfall verkehrsfähig ist, kann von Herkunft, Verarbeitung und THC-Gehalt abhängen; das ist eine Rechtsfrage für Hersteller und Behörden, keine, die sich am Etikett beantworten lässt.
Unabhängig davon gilt für jede Kosmetik: Sie dient dazu, Haut, Haare, Nägel oder Lippen zu reinigen, zu parfümieren, ihr Aussehen zu verändern, sie zu schützen oder in gutem Zustand zu halten (Art. 2). Werbung darf keine Merkmale oder Funktionen vortäuschen, die ein Produkt nicht hat (Art. 20). Aussagen, CBD-Kosmetik wirke gegen bestimmte Beschwerden, sind deshalb mit Vorsicht zu lesen.
Was im Hanfsamenöl steckt
Hanfsamenöl besteht wie jedes Pflanzenöl fast vollständig aus Triglyceriden. Auffällig ist sein Fettsäureprofil: Gut drei Viertel sind mehrfach ungesättigte Fettsäuren. In einer Untersuchung von vier kaltgepressten Hanfsamenölen ergaben sich diese Mittelwerte (Prescha et al. 2014):
| Fettsäure | Kurzzeichen | Anteil im Hanfsamenöl | Einordnung |
|---|---|---|---|
| Linolsäure | C18:2 (Omega-6) | 55,2 % | Hauptfettsäure |
| Alpha-Linolensäure | C18:3 (Omega-3) | 18,9 % | dreifach ungesättigt, oxidiert am schnellsten |
| Ölsäure | C18:1 | 12,5 % | einfach ungesättigt |
| Palmitinsäure | C16:0 | 6,1 % | gesättigt |
| Stearinsäure | C18:0 | 2,6 % | gesättigt |
| Gamma-Linolensäure | C18:3 (Omega-6) | 2,2 % | Omega-6-Fettsäure mit drei Doppelbindungen |
Die Werte schwanken mit Sorte und Ernte. Was Linol- und Linolensäure für Hautgefühl und Haltbarkeit bedeuten, steht ausführlich unter Linolsäure oder Ölsäure? Fettsäuren in Pflanzenölen erklärt; den Vergleich mit anderen Gesichtsölen zeigt Argan-, Jojoba-, Mandel- oder Wildrosenöl: Worin unterscheiden sie sich?
Die vielen Doppelbindungen haben eine Kehrseite: Hanfsamenöl reagiert schneller mit Sauerstoff. Die Hersteller der untersuchten Öle gaben nur sechs Monate Haltbarkeit an, und die Peroxidzahl als Maß für erste Oxidationsprodukte stieg in dieser Zeit im Mittel von 3,2 auf 8,7 Milliäquivalente je Kilogramm (Prescha et al. 2014). Für den Alltag heißt das: gut verschließen, kühl und dunkel lagern, zügig aufbrauchen. Woran du ein verdorbenes Öl erkennst, erklärt Ranziges Hautöl erkennen: Geruch, Ursachen, Lagerung; die Chemie dahinter Warum wird Öl ranzig? Oxidation, Kennzahlen und Haltbarkeit. Was „kaltgepresst“ dabei ändert, steht unter Kaltgepresst oder raffiniert: Was der Unterschied bei Ölen bedeutet.
Hanfsamenöl im Gesicht und auf den Lippen
Auf der Haut ist Hanfsamenöl zunächst ein Pflanzenöl: Es legt einen dünnen Film auf, bremst die Verdunstung und macht trockene Stellen geschmeidig. CosIng nennt als Aufgabe „hautpflegend“ (CosIng). Weil es dünnflüssig ist, wird es gern in Gesichtsölen mit anderen Ölen gemischt. Am besten trägst du ein Gesichtsöl auf leicht feuchte Haut oder über ein wässriges Serum auf; warum, erklärt Kann Gesichtsöl die Gesichtscreme ersetzen?
Zwei Punkte werden oft überschätzt. Erstens die Frage, ob Hanföl Poren verstopft: In den Originaltabellen, auf die sich die verbreiteten Komedogenitäts-Listen berufen, wurde Hanföl nie geprüft; Zahlen dafür im Netz lassen sich nicht auf eine Messung zurückführen. Mehr dazu unter Komedogene Öle: woher die Skala kommt und was sie taugt. Zweitens die Fettsäuren: Ob Linolsäure aus einem aufgetragenen Öl in der Haut etwas bewirkt, ist für fertige Produkte kaum untersucht. Ehrlich gesagt lässt sich über Hanfsamenöl im Gesicht vor allem eines sagen: Es ist ein leichtes, schnell oxidierendes Pflegeöl, das frisch sein sollte.
Wann ärztlichen Rat holen?
Rötet sich die Haut nach einem Öl, brennt sie oder bilden sich Quaddeln, setz das Produkt ab. Hält die Reaktion an oder kommt sie wieder, lass sie in einer Hautarztpraxis abklären. Wenn du weißt, dass du auf Hanf allergisch reagierst, frag vor der Anwendung ärztlich nach. Bei einer Hauterkrankung gehört die Behandlung in ärztliche Hand; Hanfsamenöl und CBD-Kosmetik sind kein Ersatz dafür. Ein neues Produkt testest du zuerst an einer kleinen Stelle: Neue Pflege ausprobieren: Wie teste ich an einer kleinen Stelle?
Häufige Fragen
Macht Hanföl in Kosmetik high?
Nein. Hanfsamenöl stammt aus den Samen, die innen keine Cannabinoide enthalten. Spuren von THC können über Harz an der Samenschale ins Öl gelangen; gut gereinigte Samen ergeben ein Öl mit höchstens Spuren.
Kann eine Creme mit Hanföl einen Drogentest positiv machen?
Für Kosmetik mit Hanfsamenöl gibt es dazu kaum Untersuchungen. In einer Studie mit fünf CBD-Hautprodukten, also nicht mit Samenöl, war THC im Blut nicht nachweisbar und keine Urinprobe nach US-Kriterien positiv; einige Speicheltests lagen aber über dem Grenzwert (Zamarripa et al. 2024). Wenn du regelmäßig getestet wirst, sprich mit der testenden Stelle.
Ist Hanföl dasselbe wie CBD-Öl?
Nein. Hanfsamenöl wird aus Samen gepresst und ist ein Pflanzenöl. CBD-Öle enthalten Cannabidiol aus Blüten und Blättern oder synthetisch hergestelltes CBD, meist gelöst in einem Trägeröl, das auch Hanfsamenöl sein kann.
Woran erkenne ich CBD in der INCI?
An den Einträgen „Cannabidiol“ oder an Extrakten aus Blüten und Blättern, etwa „Cannabis Sativa Flower/Leaf/Stem Extract“. „Cannabis Sativa Seed Oil“ ist Samenöl.
Ist Hanföl gut fürs Gesicht?
Es ist ein leichtes Pflanzenöl, das die Haut geschmeidig hält und sich gut mit anderen Ölen mischen lässt. Weil es viel Linol- und Linolensäure enthält, oxidiert es schnell; frisch und gut verschlossen ist es am angenehmsten.
Ist Hanföl komedogen?
Das weiß niemand verlässlich. In den Originaltabellen zur Komedogenität wurde Hanföl nicht geprüft. Probiere ein neues Gesichtsöl zuerst an einer kleinen Stelle.
Wie lange hält Hanfsamenöl?
Hersteller kaltgepresster Hanfsamenöle gaben in einer Untersuchung sechs Monate an. In fertigen Produkten hängt die Haltbarkeit von der ganzen Rezeptur ab; achte auf das Symbol mit der Haltbarkeit nach dem Öffnen und auf den Geruch.
Bei forpeople
Hanfsamenöl steckt laut Inhaltsstoffliste in diesen Produkten (und in Sets, die sie enthalten), jeweils als Teil der Öl- und Fettphase und ohne Extrakt aus Blüten oder Blättern:
- Faceoil - Lavendel, 50 ml, 21,90 € (auch als Faceoil - Lavendel groß mit 250 ml für 79,90 €): Argan-, Wildrosen-, Jojoba-, Borretsch- und Hanföl mit ätherischem Lavendelöl; laut Produktseite 2–3 Tropfen auf das gereinigte, leicht feuchte Gesicht.
- Feste Handcreme – Bergamotte, 30 g, 9,90 €: Candelillawachs, Jojobaöl, Olivenöl, Sheabutter und Hanfsamenöl mit Zitronen- und Bergamotteöl; wasserfrei, für die Hände.
- Lippenpflege - Zitronengras, 5 g, 4,90 €, und Lippenpflege - LSF15 Mandel & Vanille, 5 g, 7,90 €: Bienenwachs, Sonnenblumenöl, Sheabutter, Mandelöl, Hanföl und Aloe-Extrakt; die eine mit Zitronengrasöl, die andere mit mineralischem Lichtschutzfaktor 15.
Für alle gilt: gut verschließen, nicht in der Sonne oder im heißen Auto liegen lassen. Was Lippenpflege beim Essen und Trinken angeht, beantwortet Lippenpflege verschluckt man mit: Ist das ein Problem?
Mehr dazu: Feste Handcreme: Bienenwachs oder Bergamotte – welche passt? · Gesichtsöl selber mischen: Verhältnis, Duft, Haltbarkeit · Vitamin E (Tocopherol) in Kosmetik: wozu es dient und was es nicht kann
Quellen
- Europäische Kommission: CosIng – Datenbank für kosmetische Stoffe und Bestandteile. Einträge Cannabis Sativa Seed Oil, Hydrogenated Cannabis Sativa Seed Oil, Cannabis Sativa Seed Extract, Cannabis Sativa Leaf Extract, Cannabis Sativa Flower/Leaf/Stem Extract, Cannabidiol – Synthetically Produced, Cannabidiol – Derived from Extract or Tincture or Resin of Cannabis; abgerufen am 29.10.2026. ec.europa.eu/growth/tools-databases/cosing
- Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. November 2009 über kosmetische Mittel, Artikel 2 Absatz 1 Buchstabe a, Artikel 20 Absatz 1, Anhang II Nr. 306. eur-lex.europa.eu
- Vereinte Nationen (1961/1972): Single Convention on Narcotic Drugs, 1961, as amended by the 1972 Protocol, Artikel 1 Absatz 1 Buchstabe b, Artikel 28 Absatz 2, Tabelle I. unodc.org
- Gerichtshof der Europäischen Union (2020): Urteil vom 19. November 2020, Rechtssache C-663/18 (B S und C A, „Kanavape“), Randnummern 72–76 und Tenor. eur-lex.europa.eu
- Ross SA, Mehmedic Z, Murphy TP, ElSohly MA (2000): GC-MS analysis of the total delta9-THC content of both drug- and fiber-type cannabis seeds. Journal of Analytical Toxicology 24(8): 715–717. https://doi.org/10.1093/jat/24.8.715
- Citti C, Linciano P, Panseri S, Vezzalini F, Forni F, Vandelli MA, Cannazza G (2019): Cannabinoid Profiling of Hemp Seed Oil by Liquid Chromatography Coupled to High-Resolution Mass Spectrometry. Frontiers in Plant Science 10: 120. https://doi.org/10.3389/fpls.2019.00120
- Verordnung (EU) 2022/1393 der Kommission vom 11. August 2022 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1881/2006 hinsichtlich der Höchstgehalte für Delta-9-Tetrahydrocannabinol (Δ9-THC) in Hanfsamen und daraus gewonnenen Erzeugnissen. eur-lex.europa.eu
- Prescha A, Grajzer M, Dedyk M, Grajeta H (2014): The Antioxidant Activity and Oxidative Stability of Cold-Pressed Oils. Journal of the American Oil Chemists' Society 91(8): 1291–1301. https://doi.org/10.1007/s11746-014-2479-1
- Zamarripa CA, Tilton HE, Lin S, Cone EJ, Winecker RE, Flegel RR et al. (2024): Pharmacokinetics and pharmacodynamics of five distinct commercially available hemp-derived topical cannabidiol products. Journal of Analytical Toxicology 48(2): 81–98. https://doi.org/10.1093/jat/bkae001




















