Was die Studien aus Finnland zeigen
In Finnland werden Salben seit Generationen im Gesicht aufgetragen, um sich vor Kälte zu schützen. Ein finnischer Militärarzt hat diese Praxis ab den 1990er-Jahren systematisch untersucht. Grundlage war eine kontrollierte Auswertung von 913 Wehrpflichtigen mit ärztlich behandelten Erfrierungen am Kopf und 2.478 Wehrpflichtigen ohne Erfrierung aus den Jahren 1976 bis 1989 (Lehmuskallio et al. 1995).
| Risikofaktor | Chancenverhältnis (Odds Ratio) |
|---|---|
| Keine Mütze mit Ohrenklappen (Erfrierung am Ohr) | 18,5 |
| Schutzsalbe benutzt (Erfrierung an der Nase) | 5,6 |
| Schutzsalbe benutzt (Erfrierung am Ohr) | 4,5 |
| Schutzsalbe benutzt (Erfrierung an den Wangen) | 3,3 |
| Kein Schal (Erfrierung an den Wangen) | 3,8 |
| Transport im Freien oder im offenen Fahrzeug bei Wind (Wange) | 2,2 |
Die Autoren folgerten: Warme Kleidung mit Schal und Mütze mit Ohrenklappen hilft, Erfrierungen vorzubeugen. Die routinemäßige Verwendung von Schutzsalben sollte nicht empfohlen werden (Lehmuskallio et al. 1995).
Eine Befragung von 830 jungen Wehrpflichtigen ergänzte das Bild. 21 % hatten Kälteschutzsalben benutzt, meist im Schulalter oder früher. Wer Salben benutzt hatte, hatte signifikant häufiger Erfrierungen im Gesicht erlebt, vor allem an Wangen und Kinn. Gleichzeitig beschrieben 84 % der Nutzer die Schutzwirkung als etwas oder deutlich positiv (Lehmuskallio 1999). Das subjektive Gefühl und das tatsächliche Risiko gingen also auseinander.
Wichtig für die Einordnung: Das sind Beobachtungsdaten. Sie zeigen einen Zusammenhang, beweisen aber nicht, dass die Salbe selbst die Erfrierung verursacht. Sicher ist nur: Einen Schutz durch die Salbe konnten die Studien nicht zeigen.
Warum Salben nicht wärmen
Um die Ursache zu verstehen, wurden Salben auch im Labor gemessen. An einem Hautmodell mit einer beheizten, „schwitzenden“ Platte war die Wärmedämmung von Salben auf trockener Oberfläche minimal. Bei feuchter Oberfläche hing die Wirkung von Zusammensetzung und Wassermenge ab; die Unterschiede waren gering. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass Salben in der Kälte bestenfalls einen vernachlässigbaren, schlimmstenfalls einen ungünstigen physikalischen Effekt haben (Lehmuskallio & Anttonen 1999).
Im zweiten Schritt saßen Freiwillige in einer Kältekammer, eine Gesichtshälfte dick eingecremt, die andere unbehandelt. In 46 Kälteversuchen wirkten die getesteten Salben objektiv häufiger kühlend als wärmend. Weiße Vaseline fühlte sich für die Versuchspersonen jedoch oft wärmend an (Lehmuskallio et al. 2000). Genau diese Diskrepanz halten die Forschenden für das eigentliche Risiko: Wer sich geschützt fühlt, zieht den Schal vielleicht nicht so weit hoch oder bleibt länger draußen (Lehmuskallio 2000).
Warum wasserfrei im Winter trotzdem sinnvoll ist
Aus denselben Messungen stammt ein zweiter Befund, der für die Wahl der Creme wichtig ist: Im Hautmodell kühlte eine wasserhaltige Creme vom Typ Öl-in-Wasser nach dem Auftragen 40 Minuten lang deutlich ab, weil das enthaltene Wasser verdunstete (Lehmuskallio & Anttonen 1999). Verdunstung entzieht der Oberfläche Wärme. Wer also direkt vor dem Rausgehen eine wasserreiche Creme aufträgt, kühlt die Haut zunächst zusätzlich.
Oft liest man, dass das Wasser in einer Creme auf der Haut gefriert. Ob das bei normal durchbluteter Haut tatsächlich passiert, ist nicht gut untersucht. Belegt ist die Verdunstungskühlung. Ein wasserfreies Produkt aus Ölen, Butter und Wachsen hat dieses Problem nicht, weil es kein Wasser enthält, das verdunsten kann.
Der zweite Grund ist das Austrocknen. Kalte Luft enthält wenig Feuchtigkeit, Wind trägt sie zusätzlich ab, und drinnen trocknet die Heizungsluft. Ein dünner Film aus Fett und Wachs verringert die Verdunstung von Wasser aus der Haut. Wie das funktioniert, erklärt die Seite Okklusion und transepidermaler Wasserverlust. Was Wasserfreiheit bei Kosmetik genau bedeutet, steht unter Wasserfreie Kosmetik und Wasserfrei, wasserarm, anhydrous.
Wasserfreie Pflege ist also ein Schutz vor trockener, rauer und spröder Haut. Sie ist kein Schutz vor Erfrierungen.
Was wirklich vor Kälteschäden schützt
Die Risikofaktoren aus den finnischen Daten zeigen, worauf es ankommt:
- Ohren und Kopf bedecken: Mütze mit Ohrenklappen oder Stirnband, das die Ohren ganz abdeckt.
- Gesicht vor Wind schützen: Schal, Buff oder Sturmhaube, bei großer Kälte eine Gesichtsmaske.
- Wind meiden: Fahrtwind auf dem Skilift, dem Motorschlitten oder dem Fahrrad kühlt stark aus.
- Trocken bleiben: Nasse Handschuhe und Socken wechseln. Feuchte Kleidung isoliert schlechter.
- Aufeinander achten: Weiße, wachsartige oder gefühllose Stellen im Gesicht sind ein Warnzeichen. Dann sofort ins Warme; bei anhaltender Gefühllosigkeit oder Blasen ärztliche Hilfe holen.
Die Behandlung von Kälteschäden gehört in ärztliche Hände. Pflegeprodukte sind dafür nicht gedacht.
Wasserfreie Pflege im Winter sinnvoll einsetzen
| Stelle | Womit | Wann |
|---|---|---|
| Lippen | Wasserfreier Lippenbalsam; auf Schnee und in der Höhe mit UV-Filter | Vor dem Rausgehen und bei Bedarf nachlegen |
| Gesicht | Dünner Film einer wasserfreien Pflege; auf Schnee zuerst an Sonnenschutz denken | Rechtzeitig vor dem Rausgehen, nicht dick |
| Hände | Feste Handcreme | Nach dem Waschen und abends; draußen schützen Handschuhe |
| Raue Stellen an Knöcheln, Fingern, Fersen | Salbe oder Balsam | Abends, wenn Zeit zum Einziehen ist |
Auf Skitour und beim Winterwandern ist UV-Strahlung oft das größere Thema als die Kälte. Mehr dazu unter Sonnenschutz in Bergen und Schnee. Warum Lippen so schnell austrocknen, erklärt Warum trocknen Lippen so schnell aus?, und Tipps für den Alltag mit Heizungsluft stehen unter Trockene Haut im Winter.
Häufige Fragen
Schützt eine fettige Creme vor Erfrierungen beim Skifahren?
Nein. Die vorhandenen Studien zeigen keinen Schutz. Wer Kälteschutzsalben benutzte, hatte in finnischen Daten sogar häufiger Erfrierungen im Gesicht. Schutz bieten Kleidung, Gesichtsschutz und Pausen im Warmen.
Warum wird dann wasserfreie Creme für die Kälte empfohlen?
Weil wasserhaltige Cremes beim Verdunsten des Wassers kühlen und weil ein Film aus Fett und Wachs die Haut vor dem Austrocknen durch Wind schützt. Beides betrifft das Hautgefühl und die Pflege, nicht den Schutz vor Frost.
Gefriert Wasser aus der Creme auf der Haut?
Das wird oft behauptet, ist aber nicht gut untersucht. Gut belegt ist, dass verdunstendes Wasser die Haut abkühlt. Wenn du vor dem Rausgehen cremst, nimm deshalb eine wasserfreie Pflege oder creme so früh, dass eine wasserhaltige Creme vollständig eingezogen ist.
Wie dick soll ich im Winter eincremen?
Dünn. Eine dicke Schicht wärmt nicht, fühlt sich aber schnell schwer an. Für das Gesicht reicht wenig, auf die Lippen kannst du öfter nachlegen.
Ist Vaseline besser als Pflanzenöl-Salbe gegen Kälte?
Beide bilden einen Film gegen Austrocknung. Vor Erfrierungen schützt keine von beiden. In den finnischen Versuchen fühlte sich Vaseline oft wärmend an, ohne die Haut tatsächlich zu wärmen. Einen Vergleich findest du unter Vaseline oder Bienenwachs-Salbe.
Bei forpeople
Die hier genannten Salben, Hand- und Lippenpflegen enthalten laut Inhaltsstoffliste kein Wasser. Keines davon schützt vor Erfrierungen; sie pflegen trockene, raue Haut im Winter. Für raue Stellen gibt es die Bienensalbe – Lärche & Mandarine im Glastiegel (50 g, 12,90 €) aus Oliven-, Mandel- und Rizinusöl, Bienenwachs, Lärchenharz und Propolis, mit Mandarinen-, Rosmarin- und Tannenöl als Duft. Sie enthält ätherische Öle und Harz; siehe Harz und Propolis: Allergiehinweise. Für die Hände nach draußen passt die duftfreie Feste Handcreme – Bienenwachs (30 g, 9,90 €). Für die Lippen gibt es die Lippenpflege - Zitronengras (5 g, 4,90 €) und für Tage mit Sonne und Schnee die Lippenpflege - LSF15 Mandel & Vanille (5 g, 7,90 €) mit Zinkoxid und Titandioxid. Für Skitouren bündelt das Outdoor-Set – Sonnenschutz & SOS-Pflege für beanspruchte Haut (79,90 €) Sonnencreme, Salbe, Hand-, Fuß- und Lippenpflege. Nicht auf verletzter Haut anwenden; bei einer Hautreaktion die Anwendung beenden. Mehr dazu: Wie lange hält ein Pflegefilm? · Salbe, Balsam, Butter, Creme · Handcreme und Handschuhe · Feste Kosmetik lagern
Quellen
- Lehmuskallio E, Lindholm H, Koskenvuo K, Sarna S, Friberg O, Viljanen A (1995): Frostbite of the face and ears: epidemiological study of risk factors in Finnish conscripts. BMJ 311(7021): 1661–1663. https://doi.org/10.1136/bmj.311.7021.1661
- Lehmuskallio E (1999): Cold protecting ointments and frostbite. A questionnaire study of 830 conscripts in Finland. Acta Dermato-Venereologica 79(1): 67–70. https://doi.org/10.1080/000155599750011750
- Lehmuskallio E, Anttonen H (1999): Thermophysical effects of ointments in cold: an experimental study with a skin model. Acta Dermato-Venereologica 79(1): 33–36. https://doi.org/10.1080/000155599750011660
- Lehmuskallio E, Rintamäki H, Anttonen H (2000): Thermal effects of emollients on facial skin in the cold. Acta Dermato-Venereologica 80(3): 203–207. https://doi.org/10.1080/000155500750042989
- Lehmuskallio E (2000): Emollients in the prevention of frostbite. International Journal of Circumpolar Health 59(2): 122–130. PMID 10998829. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10998829/



















