So ist ein Aloe-Blatt aufgebaut
Ein Aloe-Blatt lässt sich grob in zwei Teile gliedern: die äußere grüne Rinde mit den Leitbündeln und das farblose Innere, das das Gel enthält (Hamman 2008). Nach einer zweiten Übersichtsarbeit macht die Rinde etwa 20 bis 30 % des Blattgewichts aus, das Blattmark 70 bis 80 % (Radha und Laxmipriya 2015). Dazwischen, in Zellen nahe den Leitbündeln, entsteht ein gelber, bitterer Saft, der sogenannte Latex. Er enthält 1,8-Dihydroxyanthrachinon-Derivate und deren Glykoside (Hamman 2008).
| Blattteil | Beschreibung | Typische Inhaltsstoffe |
|---|---|---|
| Rinde | äußere grüne Schicht mit Leitbündeln, etwa 20–30 % des Blattgewichts | Zellwandbestandteile, unter anderem xylosehaltige Polysaccharide |
| Latex | gelber, bitterer Saft aus Zellen direkt unter der Rinde | 1,8-Dihydroxyanthrachinon-Derivate wie Aloin A und B (Barbaloin) |
| Innenblatt (Gel) | klares, weiches Gewebe, etwa 70–80 % des Blattgewichts | rund 99,5 % Wasser, dazu Polysaccharide, Mineralstoffe, organische Säuren |
Die Angaben zu Rinde, Latex und Gel stammen aus zwei Übersichtsarbeiten (Hamman 2008; Radha und Laxmipriya 2015).
Was Aloin ist
Aloin ist ein Anthrachinon-Glykosid, genauer eine Mischung aus Aloin A und Aloin B, die zusammen auch Barbaloin heißen (Hamman 2008). Es ist der bekannteste Bestandteil des Latex. Der Branchenverband der Aloe-Wirtschaft beschreibt den Latex als bitteren, gelbbraunen bis rötlichen Stoff, der vor allem als abführendes Mittel genutzt wurde (IASC). Ein Expertengremium der US-Kosmetikbranche beschreibt die Anthrachinone des Latex zudem als phototoxisch und reizend für den Magen-Darm-Trakt (Cosmetic Ingredient Review 2007).
Chemisch gehören Aloin und Aloe-Emodin zu den Hydroxyanthracen-Derivaten. Unter diesem Begriff führt sie auch das EU-Lebensmittelrecht.
Innenblatt, Ganzblatt, gefiltert: die Verarbeitung
Wie Aloe-Saft gewonnen wird, beschreibt der internationale Branchenverband IASC so (IASC):
| Verfahren | Wie es funktioniert | Was mit dem Latex passiert |
|---|---|---|
| Innenblatt-Saft (inner leaf) | die Rinde wird von Hand oder maschinell entfernt, das gelartige Innere zerkleinert | wird vor der Verarbeitung abgespült |
| Ganzblatt-Saft (whole leaf) | das ganze Blatt wird zerkleinert, Rinde und grobe Bestandteile werden aufgeschlossen, die Masse anschließend gefiltert | wird meist mit Aktivkohle herausgefiltert |
| Nicht entfärbter Ganzblatt-Extrakt | ganzes Blatt ohne Aktivkohle-Filtration, so in Tierstudien verwendet | bleibt enthalten |
Für Aloe-Produkte zum Verzehr nennt der IASC als eigenen Standard einen Aloin-Gehalt unter 10 ppm; für Produkte zur Anwendung auf der Haut verweist er auf den vom Cosmetic Ingredient Review genannten Wert von 50 ppm (IASC). Das Gremium selbst spricht von einem in der Industrie etablierten Grenzwert für Anthrachinone in Aloe-Rohstoffen für nicht medizinische Zwecke von 50 ppm oder weniger (Cosmetic Ingredient Review 2007). 50 ppm entsprechen 0,005 %.
Wie gut sich ein Innenblatt-Saft oder ein gefilterter Ganzblatt-Saft von Latex befreien lässt, hängt von der Verarbeitung ab. Auch die EU-Kommission hält fest, dass sich Hydroxyanthracen-Derivate durch Filterverfahren so weit entfernen lassen, dass sie nur noch in Spuren enthalten sind (Verordnung (EU) 2021/468, Erwägungsgrund 10).
Was die Regulierung sagt
Lebensmittel: Die Verordnung (EU) 2021/468 hat Aloe-Emodin, Emodin und „Zubereitungen aus Blättern von Aloe-Arten, die Hydroxyanthracen-Derivate enthalten“ in die Liste der in Lebensmitteln verbotenen Stoffe aufgenommen (Verordnung (EU) 2021/468, Art. 1). Grundlage war ein Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA 2018). Die Verordnung fasst es so zusammen: Aloe-Emodin und Emodin sind im Labor genotoxisch, für Aloe-Emodin wurde das auch im Tierversuch gezeigt, und für den Ganzblatt-Aloe-Extrakt wurde eine krebserregende Wirkung nachgewiesen. Eine unbedenkliche tägliche Aufnahme ließ sich nicht festlegen (Verordnung (EU) 2021/468, Erwägungsgründe 7 bis 9). Eine bekannte Studie zum Ganzblatt-Extrakt ist eine Zwei-Jahres-Studie, in der Ratten einen nicht entfärbten Ganzblatt-Extrakt über das Trinkwasser erhielten; bei ihnen traten vermehrt Tumore im Dickdarm auf (Boudreau et al. 2013).
Kosmetik: Diese Verordnung regelt Lebensmittel, nicht Kosmetik. Die Studien betreffen die Aufnahme über den Mund. Für Aloe-Rohstoffe in Kosmetik orientiert sich die Branche an dem oben genannten Grenzwert von 50 ppm. Kosmetik ist nicht zum Verzehr bestimmt; ein Aloe-Serum solltest du deshalb nicht trinken.
Deshalb setzen viele Hersteller auf Innenblatt oder gefilterten Saft: Für Lebensmittel sind Blattzubereitungen mit diesen Stoffen verboten, und für Kosmetik gibt es den Branchengrenzwert. Die Diskussion betrifft den Latex, nicht das Aloe-Gel selbst. Weil das Gel fast nur aus Wasser besteht, brauchen Produkte daraus eine Konservierung; warum, erklärt die Seite Konservierung und Wasser in Kosmetik. Dass ein Produkt mit Aloe-Saft deshalb auch nicht wasserfrei ist, steht auf der Seite Wasserfrei, wasserarm, anhydrous.
Woran du erkennst, was in deinem Produkt steckt
- Die INCI hilft hier nicht weiter. „Aloe Barbadensis Leaf Juice“ ist in der EU-Datenbank als der aus den Blättern gepresste Saft beschrieben, ohne Angabe, ob Innenblatt oder Ganzblatt (CosIng).
- Angaben wie „Innenblatt“, „inner leaf“, „Filet“ oder „entfärbt“ beschreiben die Verarbeitung. Sie sind freiwillig.
- Nachfragen ist der sicherste Weg. Ein Hersteller kann beim Lieferanten erfragen, wie der Saft gewonnen wird und welchen Aloin-Gehalt die Rohstoffanalyse zeigt.
Weitere Merkmale, an denen du ein Aloe-Produkt einordnen kannst, beschreibt die Seite Aloe-Vera-Qualität erkennen.
Häufige Fragen
Ist Aloin in Kosmetik verboten?
Das EU-Verbot von 2021 gilt für Lebensmittel. Für Kosmetik gibt es einen in der Branche etablierten Grenzwert von 50 ppm Anthrachinonen in Aloe-Rohstoffen.
Ist Ganzblatt-Aloe schlechter als Innenblatt-Aloe?
Nicht grundsätzlich. Entscheidend ist, ob der Latex entfernt wurde. Ein gefilterter Ganzblatt-Saft kann ebenfalls wenig Aloin enthalten; ein nicht entfärbter Extrakt enthält den Latex dagegen noch.
Was bedeuten 10 oder 50 ppm?
ppm heißt „parts per million“, also Teile pro Million. 50 ppm sind 50 Milligramm pro Kilogramm oder 0,005 %. Ob und wie viel Aloin ein Rohstoff enthält, lässt sich nur mit einer Analyse feststellen.
Kann ich ein Aloe-Kosmetikprodukt trinken?
Nein. Kosmetik ist nicht zum Verzehr bestimmt und wird nicht nach den Regeln für Lebensmittel hergestellt.
Bei forpeople
Auf den Produktseiten des Aloe Vera Serum 99,6% (50 ml), des Aloe Vera Serum 99,6% (250 ml) und der Aloe Vera Serum 99,6% - Pumpflasche (300 ml) steht: Die Aloe stammt aus kontrolliertem Anbau in Andalusien, Spanien, und der Aloe-Saft wird nicht zu Pulver verarbeitet, sondern bleibt flüssig. Die INCI lautet Aloe Barbadensis Leaf Juice, Citric Acid, Potassium Sorbate, Sodium Benzoate. Ob der Saft aus dem Innenblatt oder aus gefiltertem Ganzblatt gewonnen wird, steht derzeit nicht auf den Produktseiten.
Aloe steckt außerdem in weiteren Produkten: in der Feste Seife – Lemongrass als Aloe-Saft, in der Feste Körperbutter – Bienenwachs & Aloe Vera und der Feste Handcreme – Bienenwachs als Extrakt am Ende der INCI.
Mehr dazu: Aloe-Vera-Serum 99,6 %: Was steckt drin? · Aloe Vera statt Wasser · Aloe-Serum mit Öl und Creme kombinieren · INCI-Liste lesen
Quellen
- Hamman JH (2008): Composition and applications of Aloe vera leaf gel. Molecules 13(8): 1599–1616. doi:10.3390/molecules13081599
- Radha MH, Laxmipriya NP (2015): Evaluation of biological properties and clinical effectiveness of Aloe vera: A systematic review. J Tradit Complement Med 5(1): 21–26. doi:10.1016/j.jtcme.2014.10.006
- Cosmetic Ingredient Review Expert Panel (2007): Final report on the safety assessment of Aloe Andongensis Extract, Aloe Andongensis Leaf Juice, Aloe Arborescens Leaf Extract, Aloe Arborescens Leaf Juice, Aloe Arborescens Leaf Protoplasts, Aloe Barbadensis Flower Extract, Aloe Barbadensis Leaf, Aloe Barbadensis Leaf Extract, Aloe Barbadensis Leaf Juice, Aloe Barbadensis Leaf Polysaccharides, Aloe Barbadensis Leaf Water, Aloe Ferox Leaf Extract, Aloe Ferox Leaf Juice, and Aloe Ferox Leaf Juice Extract. Int J Toxicol 26 Suppl 2: 1–50. doi:10.1080/10915810701351186
- Verordnung (EU) 2021/468 der Kommission vom 18. März 2021 zur Änderung des Anhangs III der Verordnung (EG) Nr. 1925/2006 in Bezug auf botanische Arten, die Hydroxyanthracen-Derivate enthalten. ABl. L 96 vom 19.3.2021, S. 6. eur-lex.europa.eu/eli/reg/2021/468/oj
- International Aloe Science Council (IASC): Aloe FAQs (abgerufen am 30.09.2026). iasc.org/aloe_faqs
- EFSA Panel on Food Additives and Nutrient Sources added to Food (ANS), Younes M, Aggett P et al. (2018): Safety of hydroxyanthracene derivatives for use in food. EFSA Journal 16(1): 5090. doi:10.2903/j.efsa.2018.5090
- Boudreau MD, Mellick PW, Olson GR et al. (2013): Clear evidence of carcinogenic activity by a whole-leaf extract of Aloe barbadensis miller (aloe vera) in F344/N rats. Toxicol Sci 131(1): 26–39. doi:10.1093/toxsci/kfs275
- Europäische Kommission: CosIng – Datenbank kosmetischer Inhaltsstoffe, Eintrag ALOE BARBADENSIS LEAF JUICE (abgerufen am 30.09.2026). ec.europa.eu/growth/tools-databases/cosing




















